2001-04:"Was ist antiemanzipatorisch?"

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

"Was ist antiemanzipatorisch?"

Jörg Bergstedt zum Text "Zu "Rechte Ökologie" der BUND-FunktionärInnen Oliver Wendenkampf und Julia Bunzek

Als regelmäßiger Leser des "grünen Blattes" (es gibt wenig gute, emanzipatorische Ökologiezeitungen in Deutschland ... umso größer die Freude, wenn dieses Blatt erscheint!) las ich in der letzten Ausgabe etwas unfreiwillig meinen Namen (neben dem von Oliver Geden). Warum der dort steht, wird aus diesem Text gar nicht deutlich. Klug werden zunächst Fragen gestellt - ob die Namen für schlechte Recherche stehen oder nicht zu Ende gedachte Darstellung von faschistoiden Ansätzen. Geschickt gemacht - Andeutungen statt Aussagen und Argumente, so bleibt den AutorInnen erspart, irgendwas belegen zu müssen. So geht es auch weiter: Zu Hubert Weinzierl wird gesagt: "ein Faschist vom Gruhl´schen Kaliber ist er lange nicht." Auch sehr geschickt, denn weder Oliver Geden noch ich haben das je behauptet. Wieder nur eine Andeutung und keine Aussage von Oliver oder mir tatsächlich zitiert und widerlegt. Soweit dazu - eine Auseinandersetzung im Sinne einer guten Streitkultur ist nur dann möglich, wenn mensch sich bemüht, sich aufeinander zu beziehen. Und nicht Aussagen des anderen erst erfinden, um sie dann zu kritisieren.

Der Text der beiden BUNDlerInnen aber ist noch aus einem anderen Grund wichtig. Im zweiten Teil wird die Frage in den Mittelpunkt gestellt, ob denn die Natur ein Wert an sich ist oder alles durch den Menschen bewertet wird. An dieser Frage ist eine Diskussion in der Tat interessant. Und zwar aus zweierlei Gründen: Erstens ist der "Wert an sich" ein Widerspruch in sich. Denn auch die Definition, daß die Natur einen Wert an sich hat, macht der Mensch. Insofern gibt es den Wert an sich gar nicht, sondern der Wert an sich ist eben ein vom Menschen vergebener Wert. Das gilt auch für Menschenrechte - ja für alles. Zum zweiten ist aber auch wichtig, hinter der "Wert an sich"-Debatte das antiemanzipatorische zu sehen. Was antiemanzipatorisch ist, ist dann auch anfällig für eine Vermischung mit rechten, z.B. biologistischen Mustern. Antiemenzipatorisch ist ein "Wert an sich" deshalb, weil der den Menschen die Entscheidungsmöglichkeit, also einen wesentlichen Teil der Selbstbestimmung nimmt. Wenn die Wertung nicht mehr den Menschen obliegt, sondern einer religiösen, staatlichen oder sonstigen Festlegung, geht Selbstbestimmung verloren. Und alles wird manipulierbar. Denn den "Wert an sich" gibt es ja nicht (siehe oben). Alles wird von Menschen festgelegt. Der "Wert an sich" (ähnlich wie ein Gesetz oder ein Glaubensgrundsatz) ist von irgendwelchen Menschen definiert - mit dem Trick des "Wert an sich" entziehen sie ihre Festlegung aber jetzt der Diskussion. Und genau das ist antiemanzipatorisch.

Nein - wir müssen in einer emanzipatorischen Ökologie genau andersherum denken. Es ist keine Schwächung, wenn Bäume, Flüsse, Tiere oder das Klima kein "Wert an sich" sind. Denn das ist ein schwaches Argument. Es geht darum, in der Gesellschaft zu erkämpfen, daß viele Menschen die Natur genauso wie alle ihre Mitmenschen als "wertvoll" einstufen - nicht weil sie ein "Lebensrecht an sich" haben, sondern weil eine bunte, vielfältige Gesellschaft der Menschen und ein Leben in der Natur einfach geiler sind! Weil das Kooperative gegenüber dem Konkurrierenden, dem Ausschaltenden und Verdrängenden, die spannendere und menschlichere Gesellschaft entstehen läßt. Wir dürfen die Menschen nicht entmündigen und ihnen etwas vorschreiben, sondern sie selbst zu den Wertenden machen. Dafür ist notwendig, daß sie auch entscheiden können - und darum ist Umweltschutz am besten zu verwirklichen, wenn sie mit der Selbstbestimmung verknüpft wird. Solange Herrschaft besteht, können Menschen andere Menschen und die Natur ungefragt ausbeuten und die Folgen auf andere abwälzen. Wenn Herrschaft verschwindet (zerschlagen, "abgewickelt" wird), entsteht die Situation, in der Menschen ein eigenes Interesse entwickeln, ein kooperatives Verhältnis zu Menschen und Natur zu entwickeln. Das alles ist eine wichtige und spannende Frage - ich diskutiere sie gerne weiter, schriftlich, auf Treffen oder auch Veranstaltungen, gerne auch in Magdeburg.

mehr zur Debatte um "Umweltschutz von unten" und "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen"

Infos